Beziehungsfaulheit – die neue großstädtische Befindlichkeit?

709142_web_R_K_B_by_Christiane Heuser_pixelio.deDie Mutter. Kennst du Grace Gelder? Sie ist Britin, vor wenigen Tagen war in den online-Ausgaben britischer Zeitungen über sie zu lesen: Sie hat geheiratet, sich selbst. Mit Ehering, Ehegelöbnis und 50 Gästen. Sie hat sich sogar den Hochzeitskuss gegeben: mit Hilfe eines Spiegels. Die Menschen haben sie gefeiert und bejubelt, und sie war glücklich. Heirate dich selbst, es gibt sogar Ratgeber dazu. Ich finde das befremdlich. Aber wenn ich so um mich herumschaue, sehe ich viele eingefleischte Alleinleber, die es eigentlich ebenso machen könnten wie Grace Gelder: sich selbst den Ring anstecken. Kann es sein, dass man zu lieben verlernt, wenn man lange allein lebt? Dass man die Lust verlernt, sich auf jemand anderen einzulassen, weil es anstrengend ist, weil es die gewohnte Ruhe stört, gewaltige Risiken birgt? Früher dachte ich immer, dass es die höchste Sehnsucht des Single-Menschen sei, sich irgendwann wieder zu verbinden. Aber inzwischen habe ich meine Zweifel. Auch bei der Liebesbereitschaft, gibt es eine Komfortzone, so wie beim Joggen, man scheut die Anstrengung, bleibt lieber auf dem Sofa liegen und weist bedauernd auf die Regentropfen draußen: Tja, man würde ja gern, aber. Genauso mit dem Verlieben: Ich will ja, aber da ist keiner. Keiner, der mich will. Keiner, den ich will. Keine Zeit, neue Leute kennenzulernen, zu erschöpft, rauszugehen, die Antennen hochzufahren. Zu nervig das Ganze. Mag ja sein. Beziehungsfaulheit – die neue großstädtische Befindlichkeit. Gut verdienende, gut ausgebildete Singles, die davor zurückzucken, aus der komfortablen Unabhängigkeit ihres Alltags mit sich allein herauszutreten. Weil sie in den Jahren der Freiheit kompromissfaul und bequem geworden sind, weil ihre Toleranzreservoirs ausgetrocknet sind. Vielleicht wird man so, wenn man zu lange alleine lebt. Vielleicht werde ich auch so. Und merke es nicht. Es ist ja auch enorm verführerisch: Wer sich allein ernähren kann, sich sein Leben angenehm machen kann, kommt wunderbar unzerrupft über die Runden, kann tun, was er möchte, jederzeit. Diese Freiheit ist eine Errungenschaft, ein Privileg, kostbar. Man kann sich daran gewöhnen. Und dann küsst man sich auf einer Parkbank selbst. …

Die Tochter. Lustigerweise habe ich heute gerade über die selbe Frage nachgedacht. Also fast – eher auf’s Sozialsein generell bezogen. Ich war die letzten 4 Tage nahezu ununterbrochen alleine. Erst zwei Tage Home Office, abends nur einmal zum Yoga. Dann ein ruhiges Wochenende allein. Das ist für mich eher ungewöhnlich, allein schon weil ich mit meinem Freund zusammenwohne, und auch sonst viel sozial unterwegs bin. Also: Der Freund in Spanien, keine Verabredungen mit Freunden, nur die nötigsten Telefonate, Zeitung lesen, herumdaddeln, Musik hören, aus dem Fenster glotzen, kochen, Kram erledigen. Herrlich. Ich brauchte das mal wieder. Der erste Tag im sozialen Vakuum ist manchmal gewöhnungsbedürftig und man weiß nicht so recht, wo man sich hintun soll. Dann wird es immer schöner. Irgendwie könnt ich grade ewig so weitermachen, und zwar, je mehr solcher Tage vergehen, desto doller könnt ich das. Man kehrt sich immer mehr in sich, verliert sich in der eigenen Welt, wird immer eckiger und reibungsscheuer. Wie eine Einsiedlerkrebs-Spirale. Und das geht so schnell, dass man schon am 2. Tag plötzlich regelrecht hochschreckt wie ein Tierchen, wenn das Telefon klingelt, und misstrauisch drumrumschleicht um das klingelnde Gerät, und sich fragt, wer da wagt, die heilige Ruhe zu stören. Und ob man zu Normalmenschkonversation grade überhaupt im Stande ist, oder nur Grunzlaute ‚rausbekommt. Ich finde das einen ganz wunderbaren, erholsamen, erdenden Zustand, ich brauche das ab und zu. Aber morgen habe ich einige Termine, tagsüber Job, abends privat, und das ist auch gut. Zum einen, weil ich auch wirklich wieder Lust auf Menschen habe, zum anderen aber auch, weil ich das Gefühl habe, ich MUSS, weil ich sonst wohlmöglich noch sozialphobisch oder sozialunfähig werde und meinen Job nicht mehr machen kann! Naja, nicht wirklich. Du weißt schon. Grunz.

Was hat es eigentlich mit dieser Geburtstagsneurose auf sich?

Die Tochter. Ein Geburtstag nach dem anderen im Moment. Viel feiern. Schön! Oder? Ich seh‘ mich um und frag mich, warum so viel an ihrem Geburtstag viel angespannter sind als sonst. Was hat es eigentlich mit dieser Geburtstagsneurose auf sich? So wie Weihnachten der Tag des Familien- und Silvester der Tag des Beziehungsknatsches zu sein scheint, ist der Geburtstag wohl der Tag des Knatsches mit sich selbst. Der Geburtstag naht, und auch die Gelassenen unter meinen Bekannten zeigen zumindest milde Anzeichen von Hysterie. Zumindest Zerissenheit. Soll ich feiern, oder nicht? Ach, nur ein gewöhnlicher Tag – aber wehe er verstreicht sang- und klanglos! Iwo, keine Geschenke – niemand hat sich Mühe gemacht! Ich will gefeiert werden – aber bloß nicht zu viel Aufsehen! Gratulieren mir genug Leute auf Facebook (fragt man sich natürlich nur heimlich, denn da steht man ja drüber)? Lieben mich eigentlich genug Leute? Liebt mich eigentlich überhaupt irgendjemand?? Da brodelt doch oft klammheimlich, neben der einfachen Frage der Tagesgestaltung, noch ein großer Topf ganz anderer Fragen. Stehe ich im Leben wo ich will? Erfolg? Liebe? Gesundheit? Oh Graus! Ein Hurra auf solche Reflexionen, aber warum kommen die bei so vielen tsunamiartig an diesem einen Tag, statt, sagen wir mal, wenn es irgendwie stimmiger und weniger willkürlich erscheint?

An meinem 28. Geburtstag war ich grade eine Wei20141003_150549le allein in Indien. Ich war seit wenigen Tagen dort, und hatte das Glück, schon herzallerliebste Menschen zu kennen, mit denen ich den Tag verbrachte. Toll! Jedoch interessierte sich niemand dafür, dass ich Geburtstag hatte. Da hatte ich plötzlich Heimweh und tat mir selbst leid. Später erst lernte ich, dass der Geburtstag in Indien einfach nicht so eine große Rolle spielt. Da werden andere Sachen mehr gefeiert. An meinem Geburtstag war zum Beispiel grad Diwali, eins der wichtigsten hinduistischen Feste, das Fest der Lichter. Stahl mir komplett die Show, klar. „Kernaussage des Festes ist der Sieg des Guten über das Böse, Licht über Dunkelheit und das Erkennen eigener innerer Stärken.“ erklärt Wikipedia über Diwali. Uff, ziemlich starke Konkurrenz zum Feiern der Relevanz der eigenen Person für die Welt! In dem Jahr beschloss ich, den Geburtstag zukünftig etwas indischer anzugehen. Und finde das sehr entspannend.

Die Mutter. Eine Freundin von mir interessiert sich nicht für Geburtstage, den eigenen nicht, den ihres Mannes nicht, die ihrer Freunde nicht. Wir gratulieren uns nie, wir denken einfach nie dran. Es tut der Freundschaft keinen Abbruch, es ist nicht wichtig. Ich finde das erfrischend.

Irgendwann in den 40ern ist mir unangenehm aufgefallen, dass Geburtstag so blöde mit dem Älterwerden gekoppelt ist. Jedes Jahr ein Jahr mehr auf der Uhr, pfui. Ich will, dass mir der Geburtstagsgott neue Jahre schenkt und mir nicht schon wieder eins wegnimmt. Und mir das dann auch noch deutlich aufs Geburtstagstablett schmiert: OH, du hast Geburtstag, wie toll. Nee, ist nicht toll. Ich bin gegen Geburtstag. Gegen die Anrufe von Menschen, die sich das ganze Jahr nicht melden. Warum an diesem Tag? Jeder andere Tag täte es auch. Ich bin gegen das mulmige Gefühl, feiern zu müssen. Ich will feiern, wann ich Lust habe. Ich brauche diesen Tag nicht, um mich zu freuen, dass ich geboren wurde. Natürlich freue ich mich über Geschenke, total, aber die gefallen mir an jedem anderen Tag im Jahr genauso gut.

Bilanz ziehe ich am Jahresende, und über die Güte meines Lebens denke ich zu anderen Gelegenheiten nach. Dazu brauche ich diesen einen Tag im November nicht. Eines wird mir dennoch fehlen: der Fleurop-Bote, der jedes Jahr klingelte, mit einem Strauß von meiner Mutter. So zuverlässig, Jahr für Jahr wie sie sonst nie war. Dieses Jahr wird es keinen mehr von ihr geben. Vielleicht kaufe ich mir selbst einen. Vielleicht fange ich dieses Jahr damit an, mir an jedem Geburtstag einen Strauß hinzustellen. Und versöhne mich mit dem Geburtstagsgott.

Diese Vorbilder braucht keiner

Mutter. Ich habe neulich etwas gelesen, das mich nicht mehr losgelassen hat. Sätze von drei Schülerinnen in einem Buch über Schule. Was sie sagen, hat viel mit unserer Gesellschaft zu tun, und es lohnt sich, ihnen zuzuhören:

Wir glauben, dass viele Leute heute einen Job haben, der sie langweilt, in dem sie unzufrieden sind und den sie nur machen, weil sie Geld dafür bekommen. Sie schleppen sich morgens ins Büro und haben überhaupt keine Freude an ihrer Aufgabe. Und dann muss es ziemlich deprimierend sein, in diesem Beruf auch noch 40 Jahre gefangen zu sein. In der Zeitung steht, dass immer mehr Erwachsene Pillen oder Medikamente nehmen, damit sie nicht allzu traurig werden. Um die Zeit bis zur Rente zu überstehen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Leute Dinge machen, die sie nicht begeistern. Die sie nicht interessieren. Wo ihnen schlecht wird, richtig übel. Und das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie in der Schule nicht gelernt haben, das zu tun, was ihnen wirklich liegt. Alle sagen, Erwachsene sollen unsere Vorbilder sein. Aber wir sind uns sicher, dass wir solche Vorbilder nicht gebrauchen können.“

Ich war perplex, als ich das las: Wie verdammt Recht sie haben. Denken wir jemals darüber nach, welches Bild wir abgeben, wenn wir unentwegt über Stress und Überarbeitung stöhnen? Wir klagen über Rückenschmerzen und Kopfschmerzen, sind frustriert, müde, gereizt – alles Folgen des Jobs. Wir fahren morgens mit stressverspannten Gesichern los, kommen abends mit ebensolchen Minen heim. Die Zeitungen sind voll von den Schicksalen Ausgebrannter, ständig werden neue noch schlimmere Zahlen genannt.  Und dann wundern wir uns, dass die Nachwachsenden zurückweichen und sagen: Arbeitsstress, Karriere – mit uns nicht. Sie haben doch Recht!
Warum zeigen wir ihnen nicht Erfüllung und Freude? Dass es sich lohnt, einen Beruf zu haben, in dem man seine Talente einbringen kann. Wie toll es sich anfühlt, wenn man seine Sache gut macht und sich einsetzt, auch wenn das zeitweise sehr stressig sein kann. Aber auch: Wie wichtig es ist, darauf zu achten, dass die Arbeit nicht das Leben überwuchert. Dass es ebenso wichtig ist, Nein zu sagen und neue Wege zu suchen, wenn man in einer Sackgasse steckt. Auch wenn das mit Risiken und vielleicht auch mit heftigen Einbußen behaftet ist. Die Balance zu finden, ist nicht leicht, auch deshalb nicht, weil man  sehr ehrlich mit sich sein muss. Gerade darum ist es wichtig, dass wir offen sind und darüber sprechen, den Diskurs führen, darüber, wie wir Leistung und Erfolg verstehen, wo sie uns bereichern, und wo nicht mehr. Wo die Grenze erreicht ist und der Preis zu hoch. Dann lernen nicht nur die Jungen von uns. Dann lernen wir auch selbst, nämlich ein Leben zu leben, das sich besser anfühlt, als „Ich bin so genervt, ich bin so kaputt“.

Tochter. Ich bin ein großer Fan der Jugend von heute. Ich werde nicht müde, sie vor Meckerfritzen zu verteidigen und ziehe meinen Hut davor, wie sie den Herausforderungen der heutigen Welt entgegentreten. Die Gesellschaft wandelt sich rasend wie nie, mit ihr die Bedürfnisse, die Lebensrealität, die Werte. Auch die der Jugend, dem Spiegel jeder Gesellschaft. Wir reden aufgeregt und mit rudernden Armen von Work-Life-Balance und Achtsamkeit, schreien nach einer Rückbesinnung zu mehr Miteinander und materieller Bescheidenheit, preisen die Selbstverwirklichung als Privileg einer erreichten finanziellen Sicherheit. Sollten wir einer Jugend, die danach strebt, dies auch zu leben, nicht die Hände schütteln?

In einem genialen Plädoyer für einen bescheideneren Kapitalismus schrieb Wolfang Uchatius 2013 in DIE ZEIT:

[…] In dem Film sagt der Müllsammler sinngemäß: Ich arbeite hart, damit es meinen Kindern einmal besser geht. Das ist seine Lebenseinstellung. Auch von Jan Müller (Anm.: Prototyp des heutigen 18-jährigen) gibt es einen typischen Satz. […] Er lautet: „Spaß und Freunde dürfen nicht zu kurz kommen.“

In Deutschland sitzen fast jede Woche irgendwelche Leute in den Talkshows, die sich über solche Sätze sehr aufregen können. Oft sind es Präsidenten eines Arbeitgeberverbandes oder Vorstände eines Unternehmens, manchmal auch Politiker. Sie sagen, die Deutschen seien faul geworden. Sie arbeiteten zu wenig. […]

Das ist eine seltsame Sicht auf den Fortschritt. Natürlich haben die Deutschen an Biss verloren. Ist das überraschend? Soll Jan Müller wieder zu Wilhelm Müller (Anm.: Prototyp des 18-jährigen um 1900) werden? Warum sollten Leute, vor deren Haus schon zwei Autos stehen, sich schinden wie die Irren? Für das dritte Auto? Den vierten Fernseher? […]

Hätte man Wilhelm Müller gefragt, was für ihn zu einem guten Leben gehöre, hätte er vermutlich geantwortet: Eine neue Hose. Ein Stück Fleisch. Ein eigenes Bett. Jan Müller dagegen sagt, er wolle eine Familie haben – und genug Zeit für sie.

Vor ein paar Tagen hatte ich beruflich mit einer Stiftung zu tun, die Menschen begleitet, die einen geliebten Menschen verloren haben. Hier können sich trauernde junge Menschen bis 25 kostenlos hinwenden. Hier finden sie Trost, ein offenes Ohr und das Gefühl, nicht allein zu sein. Neben zwei hauptamtlichen Mitarbeitern lebt diese Stiftung ausschließlich von etwa 30 ehrenamtlich arbeitenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Ich schaue mich um, und sehe viele junge Leute, die weniger arbeiten, dafür für ihre Familie dasein wollen und sich unentgeltlich für Fremde einsetzen. Als hätten sie begriffen, dass Geld und Karriere als Selbstzweck hinterfragenswert ist. Dass das Erreichen eines gewissen Lebensstandards (danke, vorherige Generationen!), uns die Freiheit – und vielleicht sogar die Verantwortung? – gibt, uns umzuschauen, uns wieder mehr Raum gibt für mehr soziales Engagement, Familienzeit, Dankbarkeit und Ruhe. Vielleicht ist es Zeit, dass der ein oder andere Vorstandsvorsitzende sich die „Jugend von heute“ zum Vorbild nimmt?

Wieso füttern Eltern ihre erwachsenen Kinder so gern?

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Die Tochter. Ich bin 31, wohlgenährt, und stelle bereits viele Jahre erfolgreich unter Beweis, dass ich mich ganz fabelhaft eigenständig und sogar ausgewogen ernähren kann. Mehr noch, durch meine leidenschaftliche Liebe zu Essen gab es garantiert noch nie eine Mangelernährung bei mir zu entdecken. Dennoch gibt es eine Personengruppe, die stets meinen nahenden Hungertod vermutet und abzuwenden sucht – meine Eltern und quasi-Schwiegereltern. Ich finde es ja irgendwie süß, wenn die Eltern meines Freundes uns drei Containerladungen Essen aus Berlin mitgeben. (Falls wir ins Hamburg nichts finden, hat man ja schon öfter gehört). Und ebenso, wenn mein Vater mir mit leuchtenden Augen gleich zwei Steaks brät („damit das Kind mal Fleisch kriegt“ – hilfe, ich platze!) oder meine Mutter noch drei Mal nachfragt, ob ich nicht doch ein Stück Kuchen will („Neiheeein, Mama, ich komme doch grade vom Brunch!“). Nur am Rande – alle vier genannten Elternteile sind im Leben stehende, größtenteils noch berufstätige Eltern, keiner aus der Kategorie Überbesorgt und alle mit vielen Interessen und vollen Terminkalendern. Und doch füttern sie so gern.

Ich will mich gar  nicht beschweren, es hat etwas Rührendes, inmitten all unserer selbstständigen, schnelldrehenden, verkopften Leben. Außerdem ist es ist immer lecker, ich werde ja gerne bekocht oder zum Essen eingeladen, und liebe es, wenn sich die Familie um den Futtertrog zusammenscharrt und gemeinsam gespachtelt, Wein getrunken und Geschichten erzählt werden. Also bloß nicht aufhören! Aber wundern tut es mich schon so manchesmal, und wenn ich mich im Freundeskreis umhöre, scheint es ein verbreitetes Phänomen zu sein.

Klar, manchmal nervt es auch ein bisschen, wenn auch das 3. „Nein danke“ unerkannt in der Atmosphäre verhallt –  dann versuche ich, milde zu lächeln und es als Fürsorge zu begreifen. Denn ich vermute, genau das ist es. Fürsorge, verkleidet als Schnitzel oder Himbeerkuchen.
 
Mutter, was sagst du dazu?
 
Die Mutter. Ich habe mich schon manchmal selbst gewundert, warum ich euch erwachsenen Menschen das Essen genauso hintertrage, wie meine Eltern mir damals. Was auch mir meistens auf die Nerven ging. Und nun finde ich mich mit meiner ganzen Auf- und Abgeklärtheit in derselben Anordnung wieder.
 
Jahrelang hat man herangeschleppt, was zum Überleben wichtig ist: Mehl, Nudeln, Tomatendosen, Zucker, Honig, Haferflocken. War immer da. Als Eltern denkt man ja: Es bricht alles zusammen, wenn sich nach Ladenschluss herausstellt: keine Milch im Schrank. Kontrollverlust, ganz schlimm. Gehen die Kinder aus dem Haus, bleibt dieses tief in den Neuronen verankerte elterliche Sorgenrad ja nicht einfach stehen.  Bei mir hat es gut zwei Jahre gedauert, bis ich nach eurem Auszug zum ersten Mal keine Nudeln im Schrank hatte. Das war ein richtiges Event: keine Nudeln im Haus. Heute sind meine Vorratsschränke luftig leer, diese Leere hat nichts Erschreckendes mehr, sie ist schön. Deshalb finde ich es ja selbst so verwunderlich, dass der alte Füttertrieb sofort wieder aufkocht, sobald sich die Kinder ansagen. Es ist wie ein Rückfall: Essen heranschaffen, auftischen, Essen hinterhertragen. Man merkt ja selbst, wie bescheuert das ist, man weiß ja, siehe oben, dass die Kinder das nervt. Manchmal schaue ich mir selbst zu fühle mich etwas hilflos und peinlich dabei. Wofür steht denn Essen?
 
Essen ist Geborgenheit, Wärme, Wohlbefinden. Mit welchen Mitteln kann ich das euch denn sonst noch geben?  Ihr seid selbstständig, ihr könnt jederzeit aufstehen und gehen. Ihr braucht mich, meinen Schutz, meine Sorge nicht mehr. Na ja, fast nicht mehr. So gesehen sind die elterlichen Tupperdosen voller Essen nicht anderes als eine Art gekochter Liebesbrief.

 

Bild: SarahC.  / pixelio.de

Darf eine Mutter ihrer Tochter sagen: Du bist zu dick?

Die Mutter. Die eine Lieblingstochter, die ich habe, finde ich sehr schön, und jedes Mal, wenn ich sie sehe, möchte ich ihr das sagen. Aber meistens tue ich das dann doch nicht, weil eine innere Stimme mich ermahnt:

  • Sie könnte denken, du liebst sie nur wegen ihres Äußeren
  • Du setzt sie unter Druck, immer schön und schlank sein zu müssen, um zu gefallen.
  • Du konntest das bei deiner Mutter auch nie leiden, also schweig.

Ich fand es immer sehr unangenehm, wenn meine Mutter mein Äußeres kommentierte. Und diesen  prüfenden Blick mochte ich bis ins Erwachsenenalter nicht. Natürlich freute ich mich, wenn das Urteil wohlwollend war. Aber wenn es etwas zu bekritteln gab, fühlte ich mich nicht wohl in meiner Haut. In empfindlichen Phasen fürchtete ich diesen Mutter-TÜV. Ein Freund von mir, der selbst drei erwachsene Kinder hat, sagte einmal: Das Aussehen des Kindes dürfe nie Thema sein, es dürfe einfach keine Rolle spielen. Das hat was. Das hat mich beschäftigt.

Dürfen Mütter das Äußere ihrer Töchter bewerten – unaufgefordert? Darf eine Mutter  ihrer Tochter sagen: Noch eine Portion muss doch nicht sein, du bist doch schon dick genug. Darf sie das, auch wenn sie es nur gut meint? Ihrer 8-jährigen Tochter? Ihrer 15-Jährigen? Und  lobende Bemerkungen – sind die nicht nur die Rückseite von: dein Aussehen ist so wichtig? Aber wohin dann mit der Freude und dem Stolz, wenn man sein Kind sieht und es so schön findet?

Tochter, was sagst du dazu?

Tochter. Meine Lieblingsmutter darf mir das immer gerne sagen, ich freue mich, und ganz ohne bitteren Beigeschmack. Denn für mich gab es keinen Mutter-TÜV, der mich laufend prüfend beäugte. Sie gab mir nie das Gefühl, mein Aussehen sei wichtig, hinge mit ihrer Liebe zusammen, oder Schönsein automatisch mit Dünnsein. Danke, Mutter.

Es sind ja die frühen Erfahrungen, die den Boden bilden, auf dem auch später Bemerkungen über das Äußere -positiv wie negativ- einschlagen. Wie stark wurde (oder wird) dein Aussehen von deiner Familie, deiner Umwelt, später deinen Partnern an deinen Wert als Mensch geknüpft? In der Kindheit beginnt diese Verknüpfung und die Entstehung des Selbstbildes. Deshalb darf man als Erwachsener, als quasi fertiger Mensch, nicht übersehen, wie tief sich bei Kindern vermeintlich harmlose Bemerkungen in die Seele und das Selbstbild brennen können.

Daher sage ich: Sparsam sein mit Kritik zum Äußeren, gern großzügig mit Lob, es dabei aber immer als Nebensache und fern vom Menschenwert behandeln. Gerade bei Töchtern, als Gegengewicht zu einer alten, tiefsitzenden Tradition. Und seinem Kind nicht sagen „Du bist zu dick“. Das heißt nicht, dass man nicht handeln soll, sollte das Kind wirklich zu dick sein – das ist schließlich gesundheitsschädlich und hängt oft mit Unwohlsein zusammen. Aber man sollte zunächst gründlich überlegen: Ist das Kind wirklich nach medizinischen Aspekten zu dick? Dann: in Ruhe mit dem Kind darüber reden. Auf beiläufige Kommentare verzichten. Nachfragen. Hinter die Kilos gucken. Einen Plan vereinbaren, gesunde Ernährung, Körperbewusstsein und Selbstfürsorge selbst vorleben. Notfalls einen Arzt fragen. Oder ist das Kind lediglich nach einem gesellschaftlichen Schönheitsideal zu dick? Dann: Schweigen. Sich einen Tee kochen und sich fragen, warum es einem eigentlich wichtig ist, dass das Kind einem Schönheitsideal entspricht.

Einsamkeit kann Freundin sein. Mit diesen Tipps

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Letztes Mal haben wir über Einsamkeit sinniert. Dass man sie sich erobern muss, genießen soll, und so. Ja, toll, aber wie denn eigentlich? Heute teilen wir ein paar unserer Gedanken und Erfahrungen zum Sparring mit der Einsamkeit im Alltag:

Tochter.

Szenario: Vorsorge. Das Alleinsein üben, grad wenn man aktuell (oder generell) ungern allein ist. Einfach so, weil es schön ist.
Übung: Dates mit sich selbst ausmachen. Und so Ernst nehmen wie Verabredungen mit jemand anderem.

  • Für Anfänger: Allein spazieren gehen oder sich mit einer Zeitung in ein Café setzen. Die Ruhe genießen, die Gedanken ordnen.
  • Für Fortgeschrittene: Allein ins Kino gehen. So schön. Man guckt ja eh stumm auf eine Leinwand – wozu braucht man eigentlich jedes Mal Begleitung? Dann kann man auch endlich in Ruhe, ohne Genöle von der Seite und ohne jemanden mit Popcorn-Eimern bestechen zu müssen „Alien vs. Predator 9“ oder „Herzen im Sturm 7“ gucken.
  • Für Profis: Allein Ausgehen. Kann anfangs Überwindung kosten, ist aber eine spannende Abwechslung und ermöglicht Erfahrungen, Bekanntschaften und eine Kompromisslosigkeit, die man in Gesellschaft nicht bekommt.

Es funktioniert, weil Übung den Meister macht. Immer.

Szenario: Krise. Sie frisst einen auf, die Einsamkeit, schmerzt, nimmt einem die Luft, zum Beispiel nach einer Trennung. Man tigert umher, sucht rastlos Betäubung und Ablenkung.
Übung: Aufhören wegzurennen, sich abzulenken. Hinlegen. Die Einsamkeit über sich rüberwaschen lassen, wie eine Welle am Strand. Akzeptieren, sich ergeben. Hinfühlen, Beobachten. Was passiert mit mir? Wo piekt es im Körper? Ist es wirklich so schlimm? Wie fühlt es sich nach 1 Minute an? Nach 5?
Es funktioniert, weil die Angst vor Dingen meist schlimmer ist, als die Sache selbst, was man nicht erfährt, wenn man die Situation stets vermeidet. Und weil das wertfreie Beobachten von körperlichen Empfindungen eine gute Notbremse bei Angstzuständen und Gedankenrasen sein kann. (Da sind sich Buddha und moderne psychotherapeutische Verfahren übrigens einig).

Mutter.

Immer seltener finde ich sie schlimm, vielleicht ist das der Segen des Älterwerdens: tausendmal gespürt, tausendmal überlebt. Ich nehme sie als Einladung zur Kreativität und zum wohltuenden Irrsinn.

1. Der Krisenfall. Ich frage mich: Bin ich wirklich ganz allein? Oder sind da doch Leute, die ich ansprechen könnte: die Nachbarin, Freunde, Familie. Ich zähle jeden auf, den ich anrufen könnte, wenn ich wollte. Da sind immer Menschen, ich bin also gar nicht allein, ich denke das nur.

2. Einsamkeit löst mich aus Gepflogenheiten: Ich bin einfach nur. Zeit verstreicht. Alles ist, wie es ist. Kein Nutzen, kein Zweck. Sitzen, fühlen, gucken. So eine Art Mini-Zen.

3. Funktioniert fast immer: Lieblings-Musik auflegen und tanzen, allein im Wohnzimmer. Rumspringen, rumhotten. Total bekoppt und total schön.

4. Auch ziemlich verrückt, auch wirksam: Sich im Freien platt hinlegen, auf  Balkon/Terrasse/der nächsten Wiese, und in den Himmel gucken. Die Erde trägt und da oben ist seit Jahrmillionen Weltall. Zugehörigkeitsgefühle, ganz groß.

5. Schreiben. Ein Einsamkeit-Tagebuch anlegen. Egal ob ganze oder halbe Sätze oder nur Gestammel. Alles darf sein, was kommt.

7. In sich forschen: Was würde ich jetzt gern tun? Kochen? Ausmisten?? Die Bücher sortieren: Welches bereichert mich noch, welches kann weg?  Dito: Kleiderschrank. Einsamkeitszeit ist vor allem: Zeit!

8. Rausgehen und Fotos von bizarren Formen machen: von Bäumen. Oder Autos. Oder Kanaldeckeln. Oder sich selbst: an jedem Einsamkeits-Tag ein Einsamkeits-Selfie. Warum denn nicht?

9. Beten. Hilft.

10. Tochter anrufen.

 

Nächste Woche:  Alleinsein jenseits des Alltags – alleine Reisen. Unserer Ansicht nach, eines der schönsten Dinge, die es gibt…

Welche Farbe hat die Einsamkeit?

Mutter. Es heißt, es gebe viele Arten von Schnee. Das trifft so ungefähr auch auf Einsamkeit zu. Auch sie sieht auf den ersten Blick unterschiedslos aus, hat aber viele verschiedene Farben: das zufriedene Einssein mit sich selbst. Das etwas benommene Alleinsein, weil gerade niemand da ist. Das angenehm geborgene Einsamsein unter vielen. Das verlorene Einsamsein unter vielen. Das stimmige Mitsichsein neben dem Partner. Die Einsamkeit neben ihm. Die angenehme, gut erträgliche vorübergehende Einsiedelei. Die verzweifelte tiefschwarze Verlorenheit in sich.
Wir tun immer so, als gäbe es nur die eine. Wir schauen nicht gern genau hin. Alleinsein, Einsamsein ist maximal uncool. Es gibt kaum etwas Defizitäreres, als nicht ständig umringt zu sein von lauter lustigen Freunden. Einsamkeit ist ein Makel, wer sie fühlt, schämt sich meist. Das ist schade, denn es lohnt sich, genau hinzuschauen:  Allein mit sich zu sein, kann  ungemein köstlich sein. Zufrieden mit sich, sich geborgen fühlend in der Welt, dem Treiben zuschauen können, aus der Distanz und dennoch sich zugehörig wissend. Herrlich, zumindest für Menschen, die von Naturell her nicht topgesellig sind. Manchmal braucht man das Alleinsein, um sich neu zu justieren, Dinge zu durchdenken und sich seinen Weg zu bahnen durchs Lebensdickicht. Klar, das fühlt sich nicht immer gut an. Und natürlich ist da auch die dunkle Verzweiflung, das Gefühl ausgeworfen zu sein aus den gemeinschaftlichen Zusammenhängen, ungesehen, ungeliebt, unangebunden. Man stelle sich vor, es wäre normal, dieses offen zu sagen, ohne Scham. Bei seinem Nachbarn zu klingeln und zu sagen: „Du, ich fühle mich so abgekoppelt von allem, hast du mal kurz Zeit für mich und vielleicht einen Tee?“ Einsamkeit wäre kein Aussatz, sondern einer dieser Zustände, die zu diesem Leben gehören wie Wetterfühligkeit und Laktoseintoleranz.

Tochter. Einsamkeit. Ich liebe das Thema, es fasziniert mich so. Gibt es ein anderes Gefühl, das so alltäglich und normalmenschlich ist und zugleich so gefürchtet? Die arme kleine Einsamkeit, so viel besser als ihr Ruf, möchte manchmal eigentlich unser Freund sein, und wir lassen sie nicht, rennen schreiend weg. Ja, es gibt dunkle, verzweifelte, andauernde, krankmachende Einsamkeit. Aber heute sprechen wir ja über die schönen Farbschattierungen, über das Alleinsein, die „gute“ Einsamkeit, die Hand in Hand mit dem Sozialsein geht. Nur dass „gut“ nicht unbedingt „einfach“ heißt. Liegt hier der große Irrglaube, dass sich alles immer unmittelbar spaßig und wohlig anfühlen muss, damit es ein „gutes“ Gefühl sein darf? Viele andere gute, lohnende Dinge im Leben muss man sich doch auch erst erarbeiten, da sind sich alle einig. Auch die Einsamkeit ist vielleicht ein Gefühl, dessen gute Seiten wir uns manchmal erst erobern müssen. Grade in unserem Reizüberflutungs- und Social-Media-Zeitalter ist es ja manchmal geradezu absurd, ganz für sich zu sein. Dabei liegt hier so großes Glück versteckt. Das, welches uns erlaubt, die eigene Gesellschaft zu genießen, uns als wertig und genügend zu empfinden. Und im Stande, etwas Fehlendes in uns selbst du füllen, statt von anderen zu verlangen, dies zu übernehmen. Das Glück, das einen als guter Alleinseier auch oft zum besseren Zusammenseier macht, weil man den anderen mehr will als braucht, durch’s bei sich sein auch den anderen besser sehen kann, und in Krisen nicht so schnell den Boden unter den Füßen verliert.

Klingt das, als hielte ich Einsamkeit für eine einzige Party? Das ist nicht so. Aber ich glaube, dass sich mit etwas Mut und Ausdauer die Schönheit in der Einsamkeit entdecken lässt. Das Erleben, dass es neben der Verbindung zu anderen Menschen eine weitere Verbindung gibt, die zu sich selbst und vielleicht auch die zu etwas Größerem. Die ist immer da. Man fällt nicht unaufhörlich, sondern landet auf irgendetwas, was man von oben – wenn man nur von der Ferne guckt – nicht erkennen kann. Und fühlt sich dann plötzlich freier und sicherer in der Welt als vorher. Ich glaube, jeder hat diese Fähigkeit irgendwo, wir kommen doch allein in die Welt, wir gehen allein, in unserem Sein sind wir ohnehin allein, nur wie kommen wir dahin (zurück) uns an diesem Alleinsein zu freuen und Kraft daraus zu schöpfen, statt es zu fürchten?

 

Beim nächsten Mal geben wir ein paar praktische Tipps, wie wir Einsamkeit ein Stückchen erobern und genießen können!